Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens

Nachdem im Jahre 332 v. Chr. Alexander der Große Ägypten erobert und 306 v. Chr. sein ehemaliger General Ptolemaios die Dynastie der Ptolemäer begründet hatte, setzte überall im Land ein gewaltiges Tempelbauprogramm ein, dessen Wurzeln vielleicht schon in die 30. Dynastie (380–342 v. Chr.) zurückreichen und das bis in das zweite nachchristliche Jahrhundert andauern sollte. Während die pharaonischen Heiligtümer Ägyptens (spätes drittes Jahrtausend bis etwa Mitte drittes Jahrhundert v. Chr.) vergleichsweise knapp gehaltene religiöse Texte aufweisen, versah man nun Tempel, Kapellen und Torbauten in einem bis dahin nicht gekanntem Maße mit Hieroglypheninschriften von teilweise beachtlicher Länge. Die wegen ihres erweiterten und zudem speziellen Hieroglyphensystems bisweilen schwierigen späten Tempelinschriften enthalten umfangreiche, vielfältige und nicht selten einzigartige Informationen über Kult- und Festgeschehen, über die religiöse Topographie des Nillandes, Mythen und Göttergruppen, Baugeschichte und Raumfunktionen und werden deshalb von manchen Ägyptologen zu Recht als „Bibliotheken aus Stein“ bezeichnet.

Hauptziel des Projektes ist es, eine Definition dessen zu finden, was das Wesen eines ägyptischen Tempels in griechisch-römischer Zeit ausmacht. Hierzu werden erstmals die grundsätzlichen Textgattungen, die in den späten Tempeln zu finden sind, über eine detaillierte Form-, Motiv-, Struktur- und Inhaltsanalyse herausgearbeitet. In einem weiteren Schritt untersucht das Projekt die Funktionsbestimmung der Inschriften und Darstellungen, also die Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen Dekoration und Architektur, sowie die mögliche Verankerung der ptolemäischen und römischen Tempelinschriften im traditionellen religiösen Textgut. Am Ende wird die Rekonstruktion einer Enzyklopädie des priesterlichen Wissens vorgelegt werden, wobei auch die wichtige Frage zu klären ist, ob eine solche Art Kanon ägyptischer religiöser Literatur, der trotz individueller Freiheiten und lokaler Besonderheiten als verbindlicher Rahmen für die Dekoration der Spätzeittempel anzusehen ist, überhaupt existiert hat.

 

Weitere Informationen finden Sie hier: www.tempeltexte.uni-tuebingen.de

 

Vorsitzender der Kommission

Prof. Dr. Joachim Friedrich Quack

Forschungsstellenleiter

Prof. Dr. Christian Leitz

Mitarbeiter

Stefan Baumann, M.A.
Dr. Emmanuel Jambon
Dr. Holger Kockelmann
Dr. Daniel von Recklinghausen
Alexa Rickert, M.A.
Jan Tattko, M.A.
Dr. Bettina Ventker-Haskamp
Dr. Daniela Mendel-Leitz

Anschrift

Eberhard Karls Universität Tübingen
IANES – Abteilung für Ägyptologie
Projekt „Tempeltexte Ägyptens“
Schloss Hohentübingen
Burgsteige 11
D-72070 Tübingen
Tel.: +49 7071/29-78540
Fax: +49 7071/29-5909
www.tempeltexte.uni-tuebingen.de
E-Mail: tempeltexte@aegyptologie.uni-tuebingen.de

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 23.02.2017