Die Chronik – Überlieferung

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The Bodleian Libraries, The University of Oxford, MS. Barocci 182

Bei der Überlieferung der Malalas-Chronik ist zwischen Buch 1 und den Büchern 2-18 zu unterscheiden. Hauptzeuge für Letztere ist der Codex Bodleianus Baroccianus aus dem 11. / 12. Jh., eine Handschrift, die leider erhebliche Beschädigungen und Verluste aufweist. So fehlen Buch 1, Teile von Buch 5 und 18 sowie der Schluss des Werkes ab dem Jahr 563. Überdies ist mittlerweile klar, dass der Baroccianus nicht den Originaltext (sog. Ur-Malalas) bietet, sondern eine später überarbeitete und, v.a. in den Büchern 17-18, teilweise erheblich gekürzte Fassung.

Zur Ergänzung dieser Lücken müssen Autoren, die noch den Ur-Malalas (oder ihm nahestehende Versionen) benutzt haben, ausgewertet werden, insbesondere Johannes von Ephesos, Euagrios, das Chronicon Paschale, Johannes von Nikiu, die Theophanes-Chronik sowie die Exzerpte des Konstantinos VII. Porphyrogennetos. Dazu kommen noch der Laterculus Malalianus, ferner eine, ihrerseits nicht vollständige, slawische Übersetzung aus dem 10. / 11. Jh. sowie die sogenannten Fragmenta Tusculana. Bei diesen handelt es sich um Auszüge aus dem Ur-Malalas, die wohl noch im 6. Jh., also kurz nach dem Tod des Malalas, entstanden sind. Das 1. Buch der Chronik ist in zwei Handschriften aus dem 10. Jh. überliefert, allerdings ebenfalls in einer nachträglich überarbeiteten Fassung.

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Die Geschichte der philologischen Auseinandersetzung mit den Handschriften und der Versuch einer Rekonstruktion des ursprünglichen Textes beginnt mit der Editio princeps des Baroccianus von E. CHILMEAD im Jahr 1691. Diese ist allerdings aufgrund zahlreicher Unzulänglichkeiten in hohem Maße problematisch. Gleichwohl diente sie L. DINDORF als Grundlage für dessen Malalas-Edition aus dem Jahr 1831. Da DINDORF den Baroccianus allerdings nicht selbst eingesehen hatte, übernahm er zahlreiche Lesefehler CHILMEADS. Trotzdem war die Forschung bis zum Jahr 2000 auf DINDORFS Edition angewiesen; lediglich für die Bücher 9-12 gelang es A. SCHENK VON STAUFFENBERG 1931, einen mit wichtigen Einzelbeobachtungen versehenen solideren Text vorzulegen.


 

Mit dem Erscheinen einer englischen Malalas-Übersetzung im Jahr 1986, die von einer australischen Forschergruppe erarbeitet wurde, konnte ein wichtiger Fortschritt erzielt werden, da in dieser Übersetzung erstmals konsequent auch Lesarten aus der Nebenüberlieferung, die vom Baroccianus abwichen, herangezogen wurden, allerdings nur in englischer Sprache, nicht im Original, was die wissenschaftliche Benutzbarkeit dieser Übersetzung erheblich mindert. Der Durchbruch gelang erst im Jahr 2000 mit dem Erscheinen der neuen, jetzt maßgeblichen Malalas-Edition von J. THURN. Dieser hatte bis zu seinem Tod auch an einer deutschen Malalas-Übersetzung gearbeitet und diese nahezu vollenden können, doch war es ihm leider nicht mehr möglich, diese Übersetzung selbst noch für die Publikation vorzubereiten. Die Übersetzung konnte im Rahmen eines am Seminar für Alte Geschichte Tübingen angesiedelten DFG-Projektes vervollständigt, korrigiert und veröffentlicht werden.

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verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 28.10.2013