Von der Tontafel zum publizierten Keilschrifttext: Einblicke in die KAL-Werkstatt

links: Quelle: A. Parrot, Assur, 1961, Abb. 348 (Detail). rechts: Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Was bedeutet das Edieren von Keilschrifttexten in der Reihe ‚KAL‘?

Die Zerstörung Assurs durch die Meder im Jahr 614 v. Chr. und die bald darauf erfolgende endgültige Zerschlagung des assyrischen Reichs wirkten sich auch auf das assyrische Schriftwesen katastrophal aus. Die Bibliotheken und Archive, deren Bestände geplündert, zerstört und zerstreut waren, wurden in Assur – ebenso wie in anderen Städten des einstmals mächtigen Reichs – nie wieder aufgebaut. Auch kam es in Assur nie mehr zur systematischen Aufbewahrung keilschriftlicher Aufzeichnungen in Bibliotheken oder Archiven, seien sie öffentlicher oder privater Art. Um 612 v. Chr. wurden – so der derzeitige Kenntnisstand – in der verwüsteten und weitgehend entvölkerten Stadt die letzten Keilschriftzeichen in eine Tontafel gedrückt. Binnen sehr weniger Jahre erlosch in Assur die kulturelle Potenz der Keilschrift für immer.

Träger der assyrischen Keilschriftkultur waren in besonderem Maße die literarischen Texte, von denen bei archäologischen Feldforschungskampagnen zahlreiche aus dem Schutthügel Assurs geborgen wurden. Durch ihre systematische wissenschaftliche Erforschung und Edition werden sie in die moderne Wissenswelt transferiert. Die Heidelberger Forschungsstelle, in der die Editionsreihe ‚Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts‘ (KAL) entsteht, ist derzeit der Ort, an dem dieser Transfer geleistet wird.

Die Schreiber literarischer Keilschrifttexte beherrschten ihre Kunst nicht nur, weil sie das Lesen und Schreiben gut gelernt hatten, sondern vor allem auch, weil sie bei Gelehrten in die Schule gegangen waren. In diesem ‚Studium‘ eigneten sie sich das für die betreffende Gelehrtendisziplin relevante Wissen nicht zuletzt dadurch an, dass sie die einschlägigen Texte, die die betreffenden Wissensstoffe enthielten, kopierten oder aus dem Gedächtnis niederschrieben und so die Bestände von Bibliotheken und Archiven erweiterten. Spätestens seit etwa 2600 v. Chr. diente die Keilschrift in Mesopotamien insbesondere auch dazu, überliefertes Wissen zu dokumentieren und zu kommunizieren. Die Anfänge dieser Schrift gehen ins späte 4. Jahrtausend v. Chr. zurück; damals bildete sich im südlichen Zweistromland aus Piktogrammen ein abstraktes Zeichensystem heraus, durch das sich Lautungen und somit gesprochene Sprache direkt abbilden ließen. Das altorientalische Schreiber- und Gelehrtenwesen hat sich während eines langen Zeitraums entwickelt und dabei eine solche Dynamik entfaltet, dass es ganz Vorderasien kulturell geprägt und weit darüber hinaus ausgestrahlt hat. Die literarischen Keilschrifttexte aus Assur legen von seiner hohen intellektuellen Leistungskraft Zeugnis ab.

Die heutigen Leser der mit Keilschrifttexten beschriebenen Tontafeln beherrschen ihre ‚Kunst‘, weil sie zu Wissenschaftlern ausgebildet sind, deren Aufgabe in der Erforschung der Kulturen des Alten Vorderasien insbesondere anhand der schriftlichen Hinterlassenschaften besteht. Sie vertreten die altertumswissenschaftliche Disziplin der Assyriologie, Altorientalistik oder Keilschriftkunde, die sich während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Theologie, Altertumskunde und Sprachwissenschaften herausgebildet hat. Voraussetzung hierfür war die Entzifferung der Keilschrift, an der über Jahrzehnte hinweg Gelehrte mehrerer europäischer Länder und unterschiedlicher Disziplinen beteiligt waren. Sie erfolgte, nachdem zunächst die persische Keilschrift durch den deutschen Altphilologen und Sprachforscher Georg Friedrich Grotefend (1775–1853) entziffert worden war, im wesentlichen durch den irischen Theologen Edward Hincks (1792–1866), den britischen Gelehrten und Erfinder W. Henry Fox Talbot (1800–1877), den britischen Diplomaten und Altertumsforscher Sir Henry Creswicke Rawlinson (1810–1895) und den deutsch-französischen Sprachwissenschaftler Jules Oppert (1825–1905).

Auf die Intensivierung der archäologischen Erforschung des Alten Orients sowie den weiteren Ausbau der Assyriologie (bzw. Altorientalistik oder Keilschriftkunde) als eigenständige Disziplin wirkte sich im frühen 20. Jahrhundert besonders der sog. ‚Bibel-Babel-Streit‘ aus. Bei dieser vor allem in Deutschland geführten akademischen Kontroverse, an der auch die Öffentlichkeit intensiv Anteil nahm, ging es nicht zuletzt um die Frage, ob dem als Offenbarung des Gottes Israels geltenden Text der Hebräischen Bibel (dem sog. Alten Testament) und somit der Schrift, die im Judentum und Christentum gleichermaßen als heilig gilt, Originalität und normative Kraft abzusprechen seien. Ausgelöst worden war dieser Diskurs durch die aus der Lesung literarischer Keilschrifttexte gewonnene erstaunliche Erkenntnis, dass zwischen den Inhalten dieser ‚babylonischen’ Schriften und den später niedergeschriebenen Texten der Bibel enge Parallelen bestehen. So fanden sich etwa Teile einer Erzählung, die mit dem biblischen Bericht von der Sintflut große Übereinstimmungen aufweist, auf den Fragmenten einer Tontafelserie, deren Text in epischer Form den mesopotamischen Urkönig Gilgamesch besingt.

Als kaum 150 Jahre alter, hoch spezialisierter Zweig der modernen Geisteswissenschaften hat die Assyriologie, Orientalistik oder Keilschriftkunde ihren Ursprung in einer Geisteswelt, in der die heiligen Schriften der Bibel und die Texte des griechisch-römischen Altertums seit langer Zeit eine große ideelle Kraft besitzen. Ihre Leistungen, die insbesondere auch in der Lesung und der sich daraus ergebenden Edition von literarischen Keilschrifttexten bestehen, legen von den intellektuellen Interessen und Fähigkeiten des Gelehrten- und Wissenschaftswesens dieser Geisteswelt Zeugnis ab.

Trotz der großen Distanzen ist die Wissenswelt der modernen Leser und Editoren von Keilschrifttexten mit derjenigen der Keilschrifttextschreiber auf vielfältige Art verflochten. Als Medium dieser Verflechtungen diente nicht zuletzt der schriftlich fixierte Text, der seit Jahrtausenden Wissensinhalte zwischen den ‚Welten‘ transportiert und so immer wieder aufs Neue Erkenntnisprozesse anstößt und den Gewinn neuen Wissens ermöglicht. Mit ihrer Transferleistung von der altorientalischen in die moderne Wissenswelt schreibt die Heidelberger ‚KAL‘-Werkstatt den literarischen Keilschrifttexten aus Assur eine solche mediale Funktion zu und schafft so die Voraussetzungen dafür, dass sich das Erkenntnispotential dieses Schrifttums erneut entfalten kann.

Wie entsteht ein KAL-Band?

I. Voraussetzungen

Detailaufnahme

Detailaufnahme aus einem literarischen Keilschrifttext aus Assur. (Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften)

Will der Assyriologe keilschriftliche Textdokumente edieren, muss er Schwierigkeiten überwinden, die nicht allein darauf zurückzuführen sind, dass die Sprachen, in denen die Texte verfasst sind, nicht mehr gesprochen werden und die Textinhalte in den Lebens- und Gedankenwelten längst vergangener Phasen der Menschheitsgeschichte ihren Platz hatten. Von ihm wird nicht nur eine hohe Sprachkompetenz, verbunden mit der Bereitschaft erwartet, sich geduldig auf Gedankengut einzulassen, das heute als fremd, oft geradezu als abstrus und unsinnig erscheint. Vielmehr muss er sich, - sei es anhand der Originale, sei es anhand von geeigneten Photos -, eine solche Fertigkeit im Lesen von Keilschrifttexten erworben haben, dass er auch mit folgenden, die Lesbarkeit der Texte erheblich erschwerenden Umständen gut umgehen kann:

Bruchstückhaftigkeit der Schriftstücke

Tontafelfragmente

Tontafelfragmente nach ihrer Bergung in Assur. (Photo: Walter Andrae)

Da Tontafeln und die anderen als Schriftträger dienenden Gegenstände meist in einem mehr oder weniger schadhaften Zustand geborgen wurden, überwiegt die Zahl der unvollständigen Textdokumente diejenigen der vollständig erhaltenen bei weitem. Die Entzifferbarkeit der Schriftzeichen und die Lesbarkeit der Texte sind dadurch oft stark beeinträchtigt. Zahlreiche Fragmente von Keilschrifttexten literarischen Inhalts lassen sich jedoch, da die Texte dieser Art durch einen schriftlichen Überlieferungsstrom getragen wurden, mit anderen Exemplaren derselben Texte kombinieren und auf diese Weise ergänzen. Allerdings blieben diese anderen Textvertreter meist ebenfalls nicht vollständig erhalten.

Hohe Komplexität des Schriftsystems

Keilschriftzeichen

Die Keilschriftzeichen Nr. 681–686 in dem neuesten Assyrisch-Babylonischen Zeichenlexikon (R. Borger, Mesopotamisches Zeichenlexikon. 2004). (Quelle: R. Borger, Mesopotamisches Zeichenlexikon 2004, S. 398-399)

Derzeit sind mehr als 900 Keilschriftzeichen bekannt, von denen viele während der langen Zeit des Gebrauchs der Keilschrift (spätes 4. Jahrtausend v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) ihre Form verändert haben. Die meisten Keilschriftzeichen besitzen nicht nur eine phonographische, sondern auch eine logographische Funktion, d. h. sie dienen der Darstellung nicht nur der Lautung von Silben, sondern auch von Begriffen, die entsprechend dem Kontext mit Wörtern der akkadischen, sumerischen oder einer anderen Sprache wiedergegeben werden müssen. Überdies können viele Zeichen für mehrere Lautwerte und Wörter stehen. Einige fungieren zusätzlich als Determinative, die gleichsam als Deutehilfe einzelnen Wörtern zu deren näherer numerischer und sachlicher Bestimmung beigefügt sind. Aus dieser Polyvalenz ergibt sich eine große Vielfalt an Lesemöglichkeiten. Dass im Fließtext die Wortgrenzen nicht sichtbar gemacht sind und Satzzeichen fehlen, kommt erschwerend hinzu. Den Schlüssel für die jeweils korrekte Lesung liefert der Textzusammenhang.

Mehrsprachigkeit der Texte

Bilinguer akkadisch-sumerischer Text aus Assur

Bilinguer akkadisch-sumerischer Text aus Assur; Berlin, Vorderasiatisches Museum VAT 9710. Die sumerische und die akkadische Version sind jeweils Zeile für Zeile direkt untereinander gesetzt. (Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften)

Keilschrifttexte sind in mehreren Sprachen abgefasst, die ihrerseits verschiedenen, genealogisch nicht miteinander verbundenen Sprachfamilien angehören und im Lauf der Zeit mehrere Sprachstufen ausbildeten. Die literarischen Keilschrifttexte aus Assur sind zumeist in der standardisierten Form des Babylonischen geschrieben, das die vorwiegend im südlichen Mesopotamien gesprochene Ausprägung des Akkadischen war; daneben finden sich aber auch solche, die in sumerischer Sprache und in den assyrischen Ausprägungen des Akkadischen verfasst sind.

II. Vorauswahl des Textmaterials

Bevor mit der Edition der einzelnen Texte begonnen werden konnte, hat der Forschungsstellenleiter Stefan M. Maul aus dem Gesamtbestand der Keilschrifttexte aus Assur das Corpus der Texte literarischen Inhalts erfasst und klassifiziert. Aus diesem Corpus wird das Material ausgewählt, das bislang nicht oder nicht hinreichend publiziert ist und deshalb für die Edition ‚KAL‛ (‚Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts‛) relevant ist. Es wird, soweit dies möglich ist, in inhaltlich definierte Textgruppen eingeteilt, aus denen eine Vorauswahl an zu edierenden Texten für die einzelnen Bände der KAL-Reihe getroffen wird. Diese grundlegenden Arbeiten führt ebenfalls der Forschungsstellenleiter Stefan M. Maul aus.

III. Philologische Bearbeitung

Wenn die Vorauswahl getroffen ist, setzt die philologische Bearbeitung der Texte durch die Mitarbeiter ein, die einzeln oder zu mehreren mit der Arbeit an einem KAL-Band betraut sind. Diese Arbeit steht im Zentrum der Aktivitäten der Forschungsstelle. Jedes zu edierende Schriftstück wird dabei folgenden Arbeitsschritten unterzogen:

1. Erste Lesungen und nähere inhaltliche Bestimmungen

Papierabzug

Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Foto von Bildschirm

Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Anhand von Photographien in Form von Papierabzügen, deren Digitalisaten und/oder digitalen Neuaufnahmen des Schriftstücks werden erste Entzifferungen und Lesungen vorgenommen. Eine nähere Bestimmung des Textinhalts, gegebenenfalls die Kombination mit anderen, bereits publizierten Vertretern desselben Textes und eventuell sogar sog. Joins (Zuschreibung von anderen Bruchstücken und physische Zusammenführung von Fragmenten) können die ersten Resultate sein.

2. Erstellen der Autographie

Photo: J. Oestergaard/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Photo: J. Oestergaard/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Anhand von Photographien in Form von Papierabzügen, deren Digitalisaten und/oder digitalen Neuaufnahmen wird eine maßstabsgetreue und den Erhaltungszustand dokumentierende Abzeichnung (Autographie) von jeder mit Text versehenen Beschriftungsfläche des Schriftstücks angefertigt. Dies kann auf verschiedene, auch miteinander kombinierbare Weisen geschehen: Durch freies Abzeichnen auf Millimeterpapier auf der Grundlage von Messungen und unter der Verwendung eines mechanischen Zeichenbretts oder durch Abpausen einer vergrößerten Fotokopie des Schriftstücks unter Verwendung eines Leuchttischs oder durch Abzeichnen von Digitalaufnahmen des Schriftstücks am Bildschirm unter Verwendung eines digitalen Zeichenbretts. Da mit dem Abzeichnen das Verifizieren der Schriftzeichen einhergeht, erfolgt mit dem Erstellen der Autographie, an der im weiteren Fortgang der Textbearbeitung oft Nachbesserungen vorzunehmen sind, der erste Schritt im Prozess der systematischen Entzifferung des Schriftstücks.

Die Publikation der Autographie dient zum einen der klareren Visualisierung des graphischen Befundes. Weil nämlich die Keilschrift dreidimensional ist, die Flächen der Schriftträger meist nicht plan sind und die Beschriftung oft über die Kanten der Schreibflächen übergreift, sind Photographien als alleiniges Visualisierungsmedium unzureichend. Auch vermögen es Photos oft nicht, die Zeichen beschädigter Textpartien hinreichend sichtbar zu machen. Zum anderen gibt die publizierte Autographie zu erkennen, auf welchen Zeichenidentifikationen die weitere Erschließung des Textes beruht.

3. Erstellen der Transliteration (Umschrift)

Autographie und Umschrift eines Tontafelfragments aus Assur (Berlin, Vorderasiatisches Museum VAT 11000); es enthält eine Textpassage aus dem Gilgamesch-Epos. (Quelle: S. M. Maul, Wer baute die babylonische Arche? Ein neues Fragment der mesopotamischen Sintfluterzählung aus Assur, MDOG 131, 1999, S. 159f.)

Anhand der Autographie und der Photovorlage sowie gegebenenfalls auch des Originals wird der Keilschrifttext Zeichen für Zeichen, soweit diese lesbar sind, in die lateinische Buchstabenschrift transliteriert; für Lautungen, für die das lateinische Alphabet keine Buchstaben besitzt, kommen diakritische Zeichen hinzu. Die Erstellung einer solchen Transliteration des Keilschrifttextes erfolgt auf der Grundlage der in der Altorientalistik geltenden Transliterationskonventionen. Die verschiedenen Lesarten der Keilschriftzeichen (d. h. als Phonogramme, Logogramme oder Determinative) werden durch verschiedene Zeichenformate angezeigt (kursive Kleinschreibung für die phonographische, Großschreibung für die logographische Lesart, Hochstellung für die Lesung als Determinativ). Die Umschrift muss so präzise sein, dass sie in genau den Keilschrifttext zurückübertragen werden kann, für den sie erstellt wurde. Zudem wird nicht nur der Zeilenumbruch der keilschriftlichen Vorlage beibehalten, sondern gegebenenfalls auch die Strukturierung des Schriftfeldes angezeigt, wie z. B. die ‚Formatierung‛ in Kolumnen oder die horizontale Linierung. Sofern andere Textvertreter sichere Ergänzungen zulassen, werden diese in eckigen Klammern hinzugesetzt.

Beim Erstellen der Umschrift, dem entscheidenden Schritt im Prozess der Texterschließung, fallen die Entscheidungen darüber, wie die Zeichen zu lesen sind und wo die Wörter enden. Zeichenlexika (R. Borger, Assyrisch-Babylonische Zeichenliste 2. Auflage 1981; R. Borger, Mesopotamisches Zeichenlexikon 2004, 22010) und Wörterbücher (Wolfram von Soden, Akkadisches Handwörterbuch I–III, 1972–1986; The Assyrian Dictionary of the Oriental Institute of the University of Chicago I–XXI, 1961–2011) sind die dabei unverzichtbaren Hilfsmittel.

Die Umschrift steht im Zentrum der Textedition; sie gibt nämlich genau zu erkennen, wie der Bearbeiter den Keilschrifttext entziffert hat und wie er ihn liest. Sie dient aber insbesondere auch dazu, den Fachkollegen einen schnellen Zugriff auf die Texte zu ermöglichen.

4. Übersetzung und Kommentierung

Deutsche Übersetzung und Kommentierung des Textes eines Tontafelfragments aus Assur (Berlin, Vorderasiatisches Museum VAT 11000); die dem Gilgamesch-Epos zuzuweisende Passage erzählt von den Arbeitern, die sich vor Beginn der Sintflut zur Mitwirkung am Bau der Arche eingefunden haben. (Quelle: S. M. Maul, Wer baute die babylonische Arche? Ein neues Fragment der mesopotamischen Sintfluterzählung aus Assur, MDOG 131, 1999, S. 160f.)

Soweit es der Erhaltungszustand des Textes zulässt, wird auf der Grundlage der Umschrift eine deutsche Übersetzung verfasst, die nach Möglichkeit die Zeilenumbrüche beibehält und der – ebenso wie der Umschrift – auch Angaben zur Strukturierung des Schriftfeldes beigefügt sind. In kommentierenden Bemerkungen werden Schwierigkeiten textkritischer, sprachlicher und inhaltlicher Art aufgezeigt, Textergänzungen begründet, Erklärungen vorgeschlagen, Forschungsmeinungen diskutiert, Vergleiche mit Paralleltexten gezogen und Erläuterungen zur Umschrift und zur Übersetzung gegeben.

Aus der Übersetzung und der Kommentierung geht hervor, wie der oder die Bearbeiter den Text verstehen und verstanden wissen wollen. Darüber hinaus eröffnet die Übersetzung auch Fachfremden einen Zugang zu dem Text.

IV. Fertigstellung des Manuskripts

1. Nachbesserungen an der philologischen Bearbeitung

Die philologische Bearbeitung mancher Texte lässt sich erst zum Abschluss bringen, wenn Autographie und Umschrift im Museum mit dem Original kollationiert, d. h. miteinander verglichen worden sind. Eine Betrachtung des Originals unter wechselndem Lichteinfall bietet nämlich die Möglichkeit, in schlecht erhaltenen Textpartien, die anhand der Photos nicht sicher lesbar sind, Schriftzeichen mit größerer Gewissheit zu identifizieren und so bereits vorgenommene Identifikationen und Lesungen zu bestätigen bzw. zu korrigieren. Eine Autopsie derjenigen Tontafeln, von denen bereits 3D-Scans vorliegen, kann sich erübrigen.

2. Verfassen weiterer Manuskriptteile

Mitarbeiter bei der Arbeit am Glossar eines ‚KAL’-Bandes. (Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften)

Die Texte eines jeden KAL-Bandes werden nicht nur einzeln in den Autographien, Umschriften, Übersetzungen und kommentierenden Bemerkungen ediert und interpretiert, sondern auch in ihrer Gesamtheit zusammengestellt, ausgewertet und analysiert. Dies geschieht im Katalog, der Einleitung und den Verzeichnissen. Für den Katalog werden die Texte unter Angabe ihrer archäologischen Grunddaten sowie der anderen Textvertreter und versehen mit einer Beschreibung aufgeführt. Für die Einleitung werden die Besonderheiten des edierten Textmaterials herausgestellt, dessen Zusammensetzung erläutert, der Forschungsstand umrissen und die Ergebnisse philologischer und kulturgeschichtlicher Art dargelegt, die aus der editionsphilologischen Bearbeitung der einzelnen Texte gewonnen werden konnten. Für die Verzeichnisse werden Konkordanzen, ausführliche Indices sowie das Literaturverzeichnis erstellt. In den Konkordanzen werden die bearbeiteten Texte nach den Museumsnummern, Fundnummern, Fundorten, Erwähnungen in Publikationen sowie nach weiteren Kriterien, wie etwa den Datierungen, aufgeführt und eine Liste der Duplikate und Paralleltexte gegeben. Für die Glossare werden die Logogramme, akkadischen und sumerischen Wörter einschließlich ihrer deutschen Übersetzung sowie die Namen jeweils in Verzeichnissen aufgeführt, so dass der Wortschatz der edierten Textgruppe vollständig vorliegt und ein Zugriff auf die einzelne Texte auch über Stichwörter erfolgen kann.

3. Abschluss des Manuskripts

Die von Hand zunächst nur mit Bleistift gezeichneten Autographien werden vor ihrer Digitalisierung in Tusche nachgezogen. Die Digitalisate sind so weiter zu bearbeiten, dass sie höchste Druckqualität besitzen. Dasselbe gilt auch für die Photos, die um der Veranschaulichung des archäologischen Befundes einzelner Texte willen zur Abbildung ausgewählt wurden. Der Abbildungsteil, der die Autographien und Photos enthält, wird zusammengestellt und mit den Beschriftungen versehen. Mit größter Sorgfalt werden in mehreren Korrekturdurchgängen Text- und Abbildungsteil im Hinblick auf inhaltliche und formale Mängel überprüft und ebenso wird das Manuskript abschließend überarbeitet.

V. Erstellung der Druckvorlage

Photo: Forschungsstelle/Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Aus sachlichen und finanziellen Gründen hat es sich bewährt, den typographisch komplizierten Satz, der wegen der zahlreichen, für die Umschrift der Texte erforderlichen diakritischen Zeichen großen Aufwand erfordert, in der Forschungsstelle selbst herzustellen. Hier wird die abschließende Formatierung von Textteil und Verzeichnissen, die Montage und Beschriftung der Abbildungen und die Erstellung des Umbruchs nach den in der Forschungsstelle in Zusammenarbeit mit dem Verlag entwickelten Vorlagen durchgeführt. Dies geschieht mit aktuellen Versionen derzeit gebräuchlicher professioneller Desktop-Publishing-Programme. Als PDF-Datei erreicht das druckfertige Manuskript den Verlag, durch den es mit Titelei und Umschlag versehen, in die Druckerei gegeben und als Monographie der ‚KAL‘-Reihe auf den Markt gebracht wird.

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 08.05.2012