Geschichte

Foto Ass A 383

Blick über die Ostflanke des Ruinenhügels von Assur in Richtung Norden. In exponierter Lage erhob sich das Heiligtum des Stadt- und Reichsgottes Assur dort, wo heute eine Kaserne aus osmanischer Zeit liegt (links oben). Aufnahme aus dem Jahr 1904. (Photo: Walter Andrae)

Im hügeligen Norden Mesopotamiens erhob sich am Westufer des Tigris auf einer nach Nordosten steil abfallenden Bergnase die Stadt Assur. Im mittleren 3. Jahrtausend v. Chr. war Assur ein Stadtstaat, der seine Unabhängigkeit verlor, als sich unter Sargon von Akkad (um 2350 v.Chr.) und den Königen der 3. Dynastie von Ur (um 2100 v. Chr.) die ersten mesopotamischen Großreiche herausbildeten. Gleichwohl erlebte die Stadt Assur zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. eine wirtschaftliche Hochblüte, da sie die Heimat von Kaufleuten war, die vor allem in Anatolien, wo sie Stützpunkte eingerichtet hatten, Handel trieben. Als Schamschi-Adad I. (1815–1782 v. Chr.) sein syrisch-obermesopotamisches Reich gründete, wurde Assur zwar nicht Königsresidenz, aber der alte Fürstenpalast der Stadt wurde erneuert und der Stadtgott, der ebenfalls den Namen ‚Assur‛ trug, erhielt in jener Zeit ein neues prächtiges Heiligtum. In der Gestalt dieses Gottes ließ Schamschi-Adad I. die höchste göttliche Macht verehren, die in Babylonien der Götterkönig Enlil verkörperte. So erhielt der Gott Assur den Rang eines Weltenherrschers, in dessen Kult die Idee von der Weltherrschaft des assyrischen Reichs Ausdruck und Bestätigung fand. Und so konnte die Stadt Assur, da sie der ureigenste Wohnsitz dieser Gottheit war, nun als der irdische Ort gelten, von dem die Entfaltung dieser universalen Macht ausging.

Nachdem sich Assyrien in den folgenden Jahrhunderten der Macht hurritisch-mittanischer Herrscher hatte beugen müssen, die Obermesopotamien ihrem Reich einverleibt hatten, begann sein politischer Einfluss im 14. Jh. wieder zu wachsen. Im frühen 13. Jh. war die Stadt Assur Hauptstadt eines Königreichs, dem neben Obermesopotamien auch weite Teile Syriens angehörten. Die Könige dieses sog. mittelassyrischen Reichs, die eine aggressive Expansionspolitik betrieben, ließen die Stadt erweitern, aufs prächtigste ausbauen und mit neuen, mächtigen Befestigungsanlagen versehen. In jener Zeit erhielt Assur die Gestalt, die für sein Stadtbild fortan prägend sein sollte. Als es Tukulti-Ninurta I. (1233–1197 v. Chr.) gelungen war, sogar Babylon zu erobern und sein Reich mit einem Teil Babyloniens zu einem Großreich zu vereinen, ließ er sich als König von Babylonien und Assyrien ausrufen. Das Bild des Gottes Marduk, der in Babylon vom Stadtgott zum allmächtigen, das Geschick der Welt festsetzenden Götterkönig aufgestiegen war, wurde nach Assur überführt, wo ebenso wie die Wirkmacht des Gottes Enlil nun auch diejenige des Gottes Marduk in der Gestalt des Gottes Assur verherrlicht wurde. Tukulti-Ninurta I. war es auch, der seine Residenz in die von ihm wenige Kilometer flussaufwärts am anderen Tigrisufer neu gegründete Stadt Kar-Tukulti-Ninurta (‚Hafen des Tukulti-Ninurta‛) verlegte, die für einige Zeit die Residenzstadt des assyrischen Reichs bleiben sollte.

Foto von glasierter Tonplatte

Glasierte Tonplatte von einem unbekannten Bauwerk in Assur. Darauf ist das auf einem Sockel stehende Kultbild des Reichsgottes Assur dargestellt, zu dem eine männliche Gestalt – möglicherweise der König – emporblickt. 8. Jh. v. Chr.; Höhe 56 cm; Berlin, Vorderasiatisches Museum. (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin [Hrsg.], Das Vorderasiatische Museum zu Berlin, 1992, S. 189)

Mehrfach konnte Assyrien Babylon in seine Abhängigkeit bringen, dauerhaft brechen konnte es die Eigenständigkeit des großen Konkurrenten aber nicht. Nach einer Periode der Schwäche erstarkte Assyrien um 900 v. Chr. wieder und brachte während der folgenden drei Jahrhunderte seine Macht zu größter Entfaltung. Als es im 7. Jh. v. Chr. nicht nur über Mesopotamien, Syrien, Palästina und Zypern herrschte, sondern auch Ägypten, Südarabien sowie Teile Anatoliens und des Iran annektiert hatte, war es zu einer Weltmacht geworden. Bereits Assurnasirpal II. (883–859 v. Chr.) hatte seine Residenz in der weiter tigrisaufwärts gelegenen Stadt Kalchu (Nimrud) eingerichtet. Sanherib (704–680 v. Chr.) machte schließlich das noch weiter nördlich bei der heutigen Stadt Mossul gelegene Ninive zur Hauptstadt des assyrischen Reichs. Mit der imperialen Expansion Assyriens wurden offenbar an den Standort von Residenz und Verwaltungszentrale Ansprüche gestellt, denen die alte Stadt Assur nicht mehr nachkommen konnte. Sie blieb aber weiterhin einziger Ort der Verehrung des Reichsgottes Assur und Ort der Königsgrablege. Mit großem Aufwand verwirklichten die neuassyrischen Könige in Assur städtebauliche Projekte, darunter insbesondere solche für Sakralbauten, und verliehen so der Überzeugung Nachdruck, dass diese Stadt der hochheilige irdische Ursprungsort aller göttlichen und weltlichen Herrschaft sei. Assur blieb der ideelle Mittelpunkt Assyriens.

Im Jahr 614 v. Chr. wurde Assur von dem Mederkönig Kyaxares II. (625/624–582 v. Chr.), den Babylon heimlich unterstützte, erobert. Mit der Ausplünderung der Stadt und der mutwilligen Zerstörung und Verstümmelung der dort befindlichen Zeugnisse der Geschichte sowie der kulturellen und politischen Leistungskraft Assyriens, verlor dieses die Grundfeste seines Selbstbewusstseins und seiner Identität. Kurze Zeit später zerbrach mit der Einnahme der Hauptstadt Ninive das assyrische Großreich unter dem Beifall derjenigen Völkerschaften, bei denen es sich zutiefst verhasst gemacht hatte. Das in Schutt und Asche daliegende Assur verödete in der Folgezeit zwar nicht vollständig, doch zeugen die spärlichen Besiedlungsspuren davon, dass die einstmals mächtige Stadt zu einer unbedeutenden Siedlung herabgesunken war, deren Bewohner ein bescheidenes Dasein fristeten.

Erst im 1. Jh. v. Chr. gelangte Assur wieder zu größerer Bedeutung. Damals richteten die Parther, nachdem sie die Seleukiden, die im Vorderen Orient in die Nachfolge Alexanders des Großen getreten waren, verdrängt hatten und in erste Konflikte mit Rom geraten waren, in Assur einen Gouverneurssitz ein und unterhielten dort einen neuen prächtigen Palast. Auf der Ruine des alten Assur-Tempels entstand ein neuer Tempel, der dem nun ‚Assor‛ genannten Gott geweiht war. Bis zur erneuten Zerstörung Assurs durch den Sassanidenherrscher Shapur I. (241–272 n. Chr.) wurde der Stadtgott an den Tagen, die ihm schon ein Jahrtausend zuvor heilig waren, verherrlicht und bis zu diesem Zeitpunkt blühte die Stadt ein letztes Mal auf.

Das Areal der einstmaligen Stadt Assur blieb auch in der Spät- und Nachantike bewohnt; es wird bis heute als Friedhof genutzt. Eine größere Siedlung bildete sich aber nur im 13. Jh. vorübergehend wieder. ‚Qal’at Šerqāṭ‛ (‚Erdschloss‛) lautet der arabische Name, den der Stadthügel von Assur erhielt. Seit 2003 gehört Assur zu den Stätten, die in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen sind. Hohe Schuttschichten und ein dichtes Geflecht freiliegender Baureste legen an diesem Ort von der langen, wechselvollen Geschichte einer Metropole und eines Imperiums Zeugnis ab.

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Der Ruinenhügel von Assur im heutigen Zustand in einer genordeten Satellitenansicht. Am rechten Bildrand ist der Tigris erkennbar (Quelle: Google Earth, Image © 2016 DigitalGlobe © 2016 Google)

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 22.02.2017