Forschungsstand

Abzeichnung

Abzeichnung (Autographie) der Vorderseite einer Tontafel in der Edition KAR. Der Text enthält einen Hymnus auf die Heilgöttin Ninkarrak. (Quelle: E. Ebeling, Keilschriftttexte aus Assur religiösen Inhalts. Band I [KAR I], 1915-1919, S. 27)

Zum Zeitpunkt der Einrichtung der Forschungsstelle waren von den ca. 4500 mehr oder weniger vollständig erhaltenen literarischen Keilschrifttexten aus Assur etwa 2750 publiziert bzw. in der Fachliteratur erwähnt. Davon lagen etwa 2350 in Form von keilschriftlichen Abzeichnungen (Autographien) vor, die in der Regel die Voraussetzung für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung von Keilschrifttexten sind. Mehr als 1700 Texte literarischen Inhalts waren demnach weder als Autographien publiziert noch zitiert; für ca. 2150 Texte lagen keine keilschriftlichen Autographien vor. Der Berliner Assyriologe Erich Ebeling (1886–1955) ist unter den Editoren an erster Stelle zu nennen, weil er bei weitem die meisten literarischen Keilschrifttexte aus Assur vorgelegt hat und vielen seiner Autographien Umschriften (Transliterationen) in lateinischer Schrift, Übersetzungen und Kommentare sowie Wörterverzeichnisse folgen ließ.

Literarische Keilschrifttexte aus Assur wurden sowohl in zahlreichen Einzelveröffentlichungen in Aufsatzform ediert als auch in Monographien, die zur Gänze oder teilweise Textmaterial aus Assur enthalten. Unter den Monographien, die zumeist im Rahmen des von der Deutschen Orient-Gesellschaft geförderten Publikationsprogramms für die Keilschrifttexte aus Assur erschienen, sind insbesondere die folgenden zu nennen:

  • L. Messerschmidt, Keilschrifttexte aus Assur historischen Inhalts. Heft I (KAH I. WVDOG 16, 1911)
  • O. Schroeder, Keilschrifttexte aus Assur verschiedenen Inhalts (KAV. WVDOG 35, 1920)
  • O. Schroeder, Keilschrifttexte aus Assur historischen Inhalts. Heft II (KAH II. WVDOG 37, 1922)
  • E. Ebeling, Keilschrifttexte aus Assur religiösen Inhalts I. II (KAR I. II. WVDOG 28, 1915–19. WVDOG 34, 1923)
  • E. Ebeling, Literarische Keilschrifttexte aus Assur (LKA. 1953)
  • F. Köcher, Keilschrifttexte zur Assyrisch-Babylonischen Drogen- und Pflanzenkunde (KADP. 1955)
  • F. Köcher, Die babylonisch-assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen (BAM I–IV der insgesamt 6 Bände umfassenden Reihe = Keilschrifttexte aus Assur Bd. 1–4, 1963–1971)

Diese monographischen Editionen gelten bestimmten, inhaltlich definierten Textgruppen, für deren Publikation jeweils Reihen angelegt waren. Es sind im Wesentlichen drei Textgruppen, nämlich die Texte historischen, religiösen und pharmakologisch-medizinischen Inhalts, die in diesen Veröffentlichungen vorliegen. Unter den ‚Texten historischen Inhalts‛ sind solche Schriftstücke ediert, die über das Wirken der assyrischen Herrscher und Regierungsbeamten Auskunft geben; hierzu zählen vor allem Königsinschriften, Chroniken, Dekrete und Verträge. Götterhymnen und Gebete, Epen, die von mythischen Begebenheiten erzählen, Fabeln, Beschreibungen ritueller Verfahrensweisen, die in Kult und Therapie zur Anwendung kamen, Schutzamuletttexte und Fachschriften aus dem großen Bereich der Divination wurden als ‚religiös‛ klassifiziert, weshalb sie unter den ‚Texten religiösen Inhalts‛ publiziert sind. Beschreibungen von Krankheitssymptomen und therapeutischen Verfahren bei Krankheiten aller Art, pharmakologische Rezepturen, Zusammenstellungen heilkräftiger Pflanzen und Mineralien u. v. a. m. wurden der Gruppe der medizinischen und pharmakologischen Texte zugeschrieben.

Buchdeckel von LKA

Im Jahr 1953 erschien der von Erich Ebeling in Zusammenarbeit mit Franz Köcher und Liane Rost erstellte Band, in dem mythische Erzählungen, Gebete, Hymnen, Heldenlieder auf assyrische Könige, Beschreibungen von ‚ominösen‛ Zeichen sowie Beschreibungen von Verfahren zur Abwehr von Unheil und zur Wiederherstellung von Gesundheit und Wohlergehen und somit Texte historischen, religiösen und medizinischen Inhalts aus Assur erstmals unter dem gemeinsamen Titel ‚Literarische Keilschrifttexte‛ publiziert sind. Mit ihm sollte die Edition noch unveröffentlichter Bestände an religiösen, historischen und medizinischen Texten aus Assur unter dem Sammeltitel ‚literarische Texte‛ weitergeführt werden. Leider war es Ebeling nicht mehr vergönnt, diesem ersten Band die in Aussicht gestellte Fortsetzung folgen zu lassen.

Auszüge aus den drei Hauptteilen von KAH II: Autographien, Inhaltsübersicht, Register. (Quelle: O. Schroeder, Keilschrifttexte aus Assur historischen Inhalts. Zweites Heft [KAH II], 1922, Neudruck 1970, S. 72. 109. 123)

Die Form, in der die Texte in den monographischen Editionen präsentiert sind, variiert beträchtlich. Vielfach besteht die Publikation aus der Reproduktion der keilschriftlichen Autographien der Texte, denen kurze Inhaltsangaben und Zusammenstellungen der archäologischen Grunddaten beigefügt sind. Dies betrifft vor allem die medizinischen Texte. Viele Publikationen enthalten darüber hinaus Transliterationen, Übersetzungen ins Deutsche, Erläuterungen zur sprachlichen Form und zum Inhalt sowie Wörterverzeichnisse und Sachindices.

Der in diesen Editionen veröffentlichte Textbestand umfasst überwiegend solche Texte, für die sich wegen ihres guten Erhaltungszustandes, wegen der ihnen beigemessenen hohen wissenschaftlichen Bedeutung sowie wegen ihrer guten Zugänglichkeit am jeweiligen Aufbewahrungsort eine Bearbeitung und Publikation am ehesten anzubieten schien.

Beispiel für einen geglückten neuen Textzusammenschluss (‚join‛): Das in KAR II in Autographie vorgelegte Textfragment VAT 10504 wurde in KAL 1 neu ediert, da es um weitere Fragmente ergänzt werden konnte. Der Text enthält eine Auflistung von schlechten und guten Vorzeichen, die im Bereich von Haus und Hof auftreten können. (Quellen: E. Ebeling, Keilschrifttexte aus Assur religiösen Inhalts. Band II [KAR II] 1915–1919 S. 361, Nr. 396; N. P. Heeßel, Divinatorische Texte I. Terrestrische, teratologische, physiognomische und oneiromantische Omina [KAL 1] 2007, S. 150, Nr. 6)

Die systematische Publikation von Keilschrifttexten literarischen Inhalts aus Assur kam in den 70iger Jahren des 20. Jhs. zum Erliegen, als auch die Reihe BAM (Die babylonisch-assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen) nicht mehr fortgeführt wurde. Insbesondere die nur bruchstückhaft erhaltenen und deshalb schwer les- und rekonstruierbaren Textzeugnisse waren unberücksichtigt geblieben. Wie sich aus der gründlichen Durchsicht des Textmaterials aus Assur ergab, die Stefan M. Maul im Rahmen seiner Vorarbeiten vorgenommen hat, fanden sich unter den zahlreichen unveröffentlichten, oft noch nicht einmal als solche identifizierten literarischen Texten neben Fragmenten, die den bereits publizierten Schriftstücken zuzuweisen sind, viele z. T. sogar in die Frühphasen der Überlieferungsprozesse zurückweisende Versionen bereits bekannter Texte und Textserien und darüber hinaus Schriften, die bis dato gänzlich unbekannt waren. Es erschien deshalb für die weitere Erforschung des altorientalischen Kulturkreises als höchst wünschenswert, die systematische Publikation der in Assur geborgenen literarischen Keilschrifttexte fortzuführen und zum Abschluss zu bringen und dabei an das von Erich Ebeling begonnene Vorhaben anzuknüpfen, das noch unpublizierte einschlägige Textmaterial unter dem Sammeltitel ‚Literarische Keilschrifttexte aus Assur‛ (LKA) zu veröffentlichen. Das neue Editionsprojekt lautet deshalb ‚Edition der Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts‛ und die Monographienserie, in der die Texte vorgelegt werden, trägt deshalb den Titel ‚Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts‛ (KAL).

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 11.05.2012