Archäologie

Luftaufnahme des Siedlungshügels von Assur

Luftaufnahme des Siedlungshügels von Assur mit Blick von West nach Ost, wo sich – am oberen Bildrand – der Tigris zeigt; gut erkennbar sind die Reste größerer Baukomplexe sowie der Stadtbefestigung. (Quelle: B. Hrouda, Der alte Orient, 1991, S. 115)

Zeichnung

Zeichnerische Rekonstruktion der Nordostspitze des neuassyrischen Assur von der Hand Walter Andraes. (Quelle: W. Andrae, Das wiedererstandene Assur, 2. Aufl. 1977, S. 54)

Den ersten Versuch einer archäologischen Erforschung Assurs unternahm in der Mitte des 19. Jhs. der britische Gelehrte Austen Henry Layard zusammen mit Hormuzd Rassam, die damals in Ninive und Kalchu (Nimrud) spektakuläre Funde machten. Als aber die Sondagen, die sie an einzelnen Stellen durchführten, nicht die erhofften Ergebnisse brachten, brachen sie ihr Vorhaben ab. Erst in den Jahren 1903 bis 1914 sollte das antike Assur durch seine archäologische Erschließung gleichsam wiedererstehen. Während jener Zeit führte der deutsche Bauforscher Walter Andrae, der zuvor als Assistent des Architekten Robert Koldewey in Babylon tätig gewesen war, auf dem Ruinenhügel von Assur im Auftrag der preußischen Regierung systematische Ausgrabungen durch, die von der Deutschen Orient-Gesellschaft sowie von Kaiser Wilhelm II. persönlich finanziert wurden. Für die Erteilung der Grabungsrechte durch Sultan Abdul-Hamid II., in dessen Besitz sich Qal’at Šerqāṭ befand, hatte sich der Deutsche Kaiser ebenfalls persönlich eingesetzt. Neben Babylon gehörte nun auch Assur zu den antiken Stätten Mesopotamiens, deren Erforschung in der Hand deutscher Wissenschaftler lag. Die Ergebnisse, die dieses Grabungsprojekt bald erbrachte, stellten in Aussicht, dass nun auch das Deutsche Reich, das mit anderen europäischen Nationen um erfolgreiche feldarchäologische Großunternehmungen im griechisch-römischen und im altorientalischen Kulturraum wetteiferte, ebenso wie England und Frankreich seine nationalen Sammlungen mit repräsentativen Relikten auch aus dem Alten Orient würde bestücken können.

Foto des Expeditionshauses

Das Expeditionshaus auf dem Siedlungshügel von Assur in einem von Walter Andreae aufgenommenen Farbfoto aus dem Jahr 1910. 9. (Quelle: G. Wilhelm [Hrsg.], Zwischen Tigris und Nil, 1998, Abb. 55)

Walter Andrae folgte einem neuartigen Ausgrabungskonzept, das nicht lediglich die Bergung spektakulärer Einzelobjekte, sondern die Erfassung und Dokumentation komplexer Befunde in situ zum Ziel hatte. Ähnlich wie Robert Koldewey, dem Ausgräber von Babylon, ging es auch ihm darum, unter Einbeziehung aller verfügbaren Relikte, Assur möglichst weitgehend ‚wiedererstehen‛ zu lassen und so die Erforschung der altorientalischen Kulturen auf eine neue Grundlage zu stellen. Das gesamte, innerhalb der Mauern befindliche Stadtareal ließ er von 10 m breiten Suchgräben durchziehen, die im Abstand von jeweils 100 m in ostwestlicher Richtung verliefen. Auf diese Weise ließen sich sowohl große Bauten und Baukomplexe, deren Reste sich noch vielerorts erhoben, als auch tief verschüttete kleinere Gebäude, Straßen und Wege erfassen.

Erst in den 70iger Jahren des 20. Jhs. kam es zu einer Wiederaufnahme der Forschungsarbeit vor Ort. Damals begann der staatliche Antikendienst des Irak Ausgrabungskampagnen und Instandhaltungsmaßnahmen durchzuführen. Seit den 80iger Jahren waren unter der Schirmherrschaft der Deutschen Orient-Gesellschaft auch wieder deutsche Institutionen an den Kampagnen beteiligt, die bis zum Zweiten Golfkrieg (1990–91) Barthel Hrouda (Universität München) und Reinhard Dittmann (damals Freie Universität Berlin) leiteten. Im Jahr 2000 setzte unter der Leitung von Peter Miglus (Universität Heidelberg) eine neue Phase der feldarchäologischen Erforschung Assurs ein (www.assur.de). Der irakische Antikendienst war seit 2001 dort ebenfalls wieder aktiv. Der Ausbruch des Dritten Golfkriegs (2003) brachte die Arbeit vor Ort erneut zum Erliegen. Eine Wiederaufnahme kann wegen der unsicheren politischen Verhältnisse im Land derzeit nicht in Betracht kommen.

Die Ausgrabungen förderten Baureste in teilweise gutem Erhaltungszustand und unzählige lose Objekte zutage. Die Funde legen von allen Phasen der langen Geschichte Assurs Zeugnis ab, wobei allerdings dem 3. Jahrtausend bislang vergleichsweise wenige, der mittel- und neuassyrischen sowie der parthischen Epoche hingegen die bei weitem meisten materiellen Relikte zugewiesen werden können. Sie vermitteln Einblicke in die Struktur und Geschichte einzelner Bauwerke, in die sich im Laufe der Zeit wandelnden Raumverhältnisse der Stadt, in Vorgänge des öffentlichen und privaten Lebens, das sich dort vollzog, und in die mentale Welt der Vorstellungen und Ideen, die dort herrschten.

Plan von Assur

Der von W. Andrae im Jahr 1914 erstellte Gesamtplan der Stadt Assur. (Quelle: W. Andrae, Das wiedererstandene Assur, 2. Aufl. 1977, S. 293)

Der Gesamtplan des Stadtgebiets, den W. Andrae im Jahr 1914 vorlegte und dem sich sowohl Grundrisse als auch Bauphasen ablesen lassen, ist für die Assur-Forschung nach wie vor grundlegend. Er zeigt ein mit Mauern, Türmen, Toren und im flachen Westen und Süden zusätzlich mit einem Graben bewehrtes kreissegmentförmiges, ca. 900 × 1000 m messendes oberes Stadtareal, dessen Ost- und Nordflanke vom Tigris bzw. dessen Nebenarm umspült waren. Im Süden schloss sich ein von einem Wall umgebenes ‚unteres‛ Stadtareal von der Form eines schmalen, ca. 500 × 300 m großen Trapezes an. Mit ihrer längsten Flanke grenzte diese sog. Neustadt direkt an den Tigris. Etwa 1, 2 Quadratkilometer war das befestigte Stadtgebiet groß. Die Bebauung dehnte sich jedoch im Lauf der Zeit jenseits der Stadtmauern weiter aus. Dort lag im Westen und in der Nähe des Tigrisarmufers auch der Baukomplex des Neujahrsfesthauses mit seinen Kulträumen, Festsälen und Gartenanlagen, das König Sanherib (705–681 v. Chr.), nachdem er Babylon im Jahre 689 v. Chr. zerstört hatte, erbauen ließ, um in Assur das Neujahrsfest nach babylonischem Vorbild feiern zu können.

Grabungsarbeiten

Das von W. Andrae während der Ausgrabungen aufgenommene Photo zeigt einen Abschnitt der Ostflanke der Stadt; links im Hintergrund erhebt sich der Stumpf des Stufenturms des Enlil-Assur. (Photo: Walter Andrae)

Am nördlichen Stadtrand, wo die Abhänge der Bergnase steil zum Tigris und dessen Nebenarm abfallen, reihten sich riesige Baukörper aneinander und ragten teilweise hoch über die Mauerzinnen empor. Sie bildeten Assurs ‚Skyline‛. Auf der halbinselartigen Nordspitze besaß in einem aus mehreren Höfen, dem eigentlichen Tempelgebäude und zahlreichen weiteren Räumlichkeiten bestehenden Raumgefüge der Stadt- und Reichsgott Assur seinen Wohnsitz.

Zentralareal der Stadt

Blick von Südosten über das Gelände des Zentrums der einstigen Innenstadt hinweg nach Nordwesten. Am oberen Bildrand zeichnen sich von rechts nach links die anstehenden Reste der Enlil-Assur-Ziqqurat, des alten Königspalastes und des Anu-Adad-Tempels ab. Photo aus der Zeit der Grabungen 1903–1914. (Photo: Walter Andrae)

Westlich neben dem Assur-Heiligtum erhob sich auf quadratischem Grundriss der ‚Ziqqurat‛ genannte Stufenturm, das höchste Bauwerk der Stadt, das dem Enlil-Assur geweiht war. Über 30 m hoch steht der Stumpf des Ziegelmassivs heute noch an. Neben seiner Westflanke lag der Baukomplex des alten Königspalastes, dessen erste Anlage in die Zeit Schamschi-Adads I. (1815–1782 v. Chr.) zurückgeht und der dann ‚Palast der Väter‛ genannt und die Grablege der Könige wurde. Weiter im Westen folgten der Anu-Adad-Tempel, in dem der Himmelsgott und der Wettergott verehrt wurden, sowie das Areal des in mittelassyrischer Zeit errichteten sog. Neuen Königspalastes, der bis in das 9. Jh. v. Chr. bestand. Die Reste einer dritten Palastanlage, die im 9. Jh. v. Chr. südöstlich der Ziqqurat erbaut wurde, kamen erst im Zuge der jüngsten irakischen Ausgrabungskampagnen zutage. Zwei weitere große Heiligtümer, von denen das eine dem Kult der Götter Sin (Mond) und Schamasch (Sonne) galt, das andere dem der Göttin Ištar (Venus), waren dem Anu-Adad-Tempel sowie dem Alten und dem Neuen Palast so zugeordnet, dass sich zwischen diesen fünf Baukomplexen eine große freie Fläche öffnete. ‚Hof der (göttlichen) Embleme‛ hieß dieser Platz, der den Fokus im Straßennetz der Stadt darstellte. War der Assur-Tempel mit der zugehörigen Ziqqurat der allerheiligste Ort der Stadt so befand sich an jenem Platz der urbane Mittelpunkt Assurs.

Im Süden der ‚oberen‛ Stadt entstanden im Bereich der Befestigungsanlagen in spätassyrischer und parthischer Zeit weitere Paläste. Dicht bebaute, von verwinkelten Straßen durchzogene Wohn-, Handwerker- und Geschäftsviertel schoben sich in assyrischer Zeit nahe an die repräsentativen Prachtbauten des nördlichen, den Göttern und Königen vorbehaltenen Gürtels des Stadtareals heran, in nachassyrischer Zeit überlagerten sie diese sogar teilweise. Die Ausdehnung und Infrastruktur dieser Viertel sowie deren Verbindung untereinander veränderten sich im Lauf der Jahrhunderte ebenso wie die Architektur, die Größe und die Bautechnik der Wohnhäuser, in denen meist auch die Handwerks- und Geschäftsbetriebe untergebracht waren. Aber in allen Phasen der assyrischen Geschichte besaßen die Wohnhäuser einen oder mehrere Höfe, um die herum sich die geschlossenen Räume gruppierten, und Grüfte, in denen die Familienangehörigen bestatteten wurden.

Fragment einer glasierten Tonplatte

Fragment einer glasierten Tonplatte aus Assur, die an der Fassade eines Bauwerks angebracht war; es zeigt den Gott Assur in der Flügelsonne, der als Bogenschütze zwischen Wolken am Himmel erscheint; 9. Jh. v. Chr.; London, British Museum Inv. 115706. (Photo: British Museum, London)

Der luftgetrocknete Lehmziegel war das Baumaterial, das für die aufgehende Architektur der öffentlichen Prachtbauten ebenso wie der Privathäuser zu allen Zeiten bei weitem am meisten Verwendung fand. Nur die Fundamente und Sockelzonen der Mauern bestanden in der Regel aus Stein. Die Fassaden der Stadtmauern, Tempel und Paläste trugen vielfach Verkleidungen aus farbig glasierten Ziegeln, die zu Ornamentstreifen und figürlichen Bildern zusammengesetzt waren. Ebenso wie in anderen Städten des Zweistromlandes sprangen auch hier die Großbauten nicht nur wegen ihrer Ausmaße ins Auge, sondern auch durch den Glanz und die Farbigkeit ihrer Fassaden sowie durch die Bilder, mit denen sie versehen waren.

Frauenkopf aus Alabaster

Kleiner Frauenkopf aus Alabaster, gefunden in den Bauresten des Ištar-Tempels in Assur, um 2350 v. Chr.; Berlin, Vorderasiatisches Museum. (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin [Hrsg.], Das Vorderasiatische Museum zu Berlin, 1992, S. 144)

Zu den zahllosen Einzelfunden, die weit verstreut, zum Teil aber auch in situ zutage kamen, zählen Gegenstände des täglichen Gebrauchs und Hausrat aller Art, vielerlei Kultgegenstände, Weihgeschenke für die Götter, Sarkophage, Grabbeigaben und kunstvolle Schmuckelemente, mit denen die Räume in Tempeln und Palästen ausgestattet waren. Bei vielen dieser Objekte handelt es sich um plastische Bildwerke, viele sind mit bildlichen Darstellungen, nicht wenige mit Inschriften versehen. Zahllos sind die beschrifteten Tontafeln, die teils verstreut, teils aber noch an ihren ursprünglichen Aufbewahrungsorten geborgen wurden. Einfach behauene Steinstelen, die jeweils mit einem Königs- oder Beamtennamen beschriftet waren, kamen im Bereich der Verbindungslinie zwischen ‚oberer Stadt‛ und ‚Neustadt‛ ans Licht. In zwei langen Reihen waren sie so aufgestellt, dass sich an ihnen von Osten nach Westen fortlaufend die Abfolge der Könige von Assur und die Abfolge der jährlich wechselnden und dem betreffenden Jahr ihren Namen gebenden eponymen Regierungsbeamten ablesen ließ. Seit spätestens dem frühen 14. Jh. v. Chr. wurde bis zum Untergang des assyrischen Reichs Jahr für Jahr auf dem Boden der Stadt Assur an dieser monumentalen Chronik ‚weitergeschrieben‛.

Votivgaben

Weihrauchständer und Statuetten; Installation von Votivgaben aus dem Ištar-Tempel in Assur; Berlin, Vorderasiatisches Museum. (Quelle: J. Marzahn, B. Salje [Hrsg.], Wiedererstehendes Assur. 100 Jahre deutsche Ausgrabungen in Assyrien, 2003, S. 76)

Die Fundobjekte aus Assur sind über viele Museen und Sammlungen verteilt. In ihrer Verstreuung spiegelt sich die Geschichte der Freilegung des Ruinenhügels wider. Die Funde, die im Zuge der jüngeren und jüngsten, von irakischer und deutscher Seite durchgeführten Ausgrabungskampagnen zutage kamen, wurden in das Iraq-Museum in Bagdad verbracht. Besonders reichhaltig sind die Assur-Bestände des Vorderasiatischen Museums in Berlin und des Archäologischen Museums in Istanbul, da nach Beendigung der von W. Andrae geleiteten Grabungen das Osmanische und das Deutsche Reich eine Fundteilung vereinbarten. Einige der dem Deutschen Reich zugesprochenen Funde gelangten während der Wirren des 1. Weltkriegs in das Britische Museum in London, das eine kleine Assur-Sammlung besitzt. Fundobjekte aus Assur bilden auch Bestandteile der Babylonian Collection der Yale University in New Haven und der École Pratique des Hautes Études in Paris. Spätestens seit dem Beginn der Ausgrabungen gelangten Fundobjekte aus Assur immer wieder auch in den Antikenhandel, der bis heute Privatsammlungen in aller Welt bestückt.

Die systematische Dokumentation der archäologischen Funde und Befunde erfolgt seit 1904. Nach wie vor hat die seit 1898 bestehende und im Orient Feldforschungen durchführende Deutsche Orient-Gesellschaft (DOG) einen entscheidenden Anteil daran, die Grabungsergebnisse in Publikationen sowohl der Fachwelt als auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften geförderte Edition der ‚Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts‛, die in der Monographienserie ‚KAL‛ vorgelegt wird, ist Teil des Publikationsprogramms der Deutschen Orient-Gesellschaft.

 
verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 08.05.2012